Mistral (Andere Gedichte)
Mistral. Der Mistral Weht durch die Straßen und fegt Die Chiaja entlang, daß hochauf Der Schönen flatternde Schleier sich bauschen und
Dem Schäker die goldig-braunen Nacken enthüllen, Der hangenden Flechten Sammetglanz Und die kleinen, korallengeschmückten Ohren, Noch rothgeküßt vom letzten Stelldichein.... Toll bläst er
Im Meere draußen die Backen auf und jagt Vor sich her pfeilgeschwind die Fischerbarken, Fährt in die knatternden Segel und holt Des Himmels trotzigste Wolke keck zum Tanz! Fern’ aber,
Wo schillernd die Wogen um Sorrento hüpfen und Von gold’nen Sonnenfurchen die Wasser blitzen, Beginnt sein Zauberreich: Zum Schöpferodem
Wird hier sein Weh’n, zum gestaltenden, der Licht Und Lust und Meer in glänzende Schaumgebilde Verwandelt und aufleben läßt In mystischen Urweltformen, In seliger Urweltlust!
Horch! dröhnt nicht Vom Ausschlag der Meeresrosse Die brausende Fluth? Mit Sonnenstrahlen-Zügeln Lenkt sie Poseidon – sieh,
Und ihre weißen Mähnen flattern im Winde! Kopfüber Stürzen die Faune der See, Die neckischen Tritone in die Wogen, Und zwischendurch
Lachen die meerblauen Augen Der Tethystöchter, blinkt’s Von schneeigen Nacken, Von schaukelnden Hüften Und perlenthau-benetztem, gold’nem Haar!
Sie sind’s, sie sind’s, Die lenchtenden Herrscher der Tiefe! Schon hör’ ich Ihrer Muschelhörner Gedröhn – Ein Weilchen noch –
Und sie rauschen an’s Land und schmiegen Die weichen Glieder in den glitzernden Sand.... So träum’ ich wachenden Aug’s – da zerrinnt Der Götterfestzug in schäumende Wogenkämme, Scharf weht’s vom Vesuv herüber
Und mir zu Füßen rauscht Mit heimlichem Gekicher plätschernd die Fluth an.
Eingetragen am 08.11.2011 09:34:29 von 2rhyme
Autor: Marie Eugenie Delle Grazie
Quelle: de.wikisource.org
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