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Die Musik der armen Leute (Andere Gedichte)

Die Musik der armen Leute.

Der Herr Musikprofessor spricht:
»Die Drehorgeln, die dulde man nicht!
Sie sind eine Plage und ein Skandal!« –
Mein lieber Professor, nun hören Sie mal:

Ein enger Hof – kein Sonnenschein

Fällt dort du ganze Jahr hinein.
Da herrscht ein seltsam muffiger Duft,
Nach Armut riecht’s und Kellerluft.
Da blüht keine Blume, da grünt kein Laub,

Die Kinder spielen in Müll und Staub.

Nun kommt der Leiermann hervor
Und schleppt seinen Kasten durchs offne Thor.
Den Schunkelwalzer spielt er auf:
Da rennt es herbei in schnellem Lauf.

[298]
Da krabbeln ans ihren Höhlen heraus

Die Kinder in dem ganzen Haus,
Und über die blassen, ernsten Gesichter
Fliegt es dahin wie Sonnenlichter.
Sie tanzen und wiegen sich hin und her

Beim Schunkelwalzer – was will man mehr?

In der Kellerthür steht ein schlumpiges Weib,
Ihr hängen die Kleider um den Leib,
Den Säugling hält sie auf dem Arm,
In ein Wollentuch gewickelt warm.

Sie lässt ihn tanzen, und wie er sich regt

Und mit den magern Aermchen schlägt,
Ist über die vergrämten Wangen
Ein Strahl von Mutterfreunde gegangen.
Das »Mädchen für alles« im ersten Stock,

Es fasst mit den Fingerspitzen den Rock

Und trällert den Text und dreht sich und lacht:
An den blauen Dragoner hat sie gedacht.
Er war so unbeschreiblich flott
Und tanzte den Walzer wie ein Gott.

Der Leiermann hat die Blicke erhoben

Und wartet auf den Segen von oben. –
Dann kommt – das hört ja ein jeder gern:
»Einst spielt’ ich mit Zepter, Krone und Stern!«
Der arme Schreiber in seiner Kammer

Vergisst eine Weile den täglichen Jammer.

Er lässt die kritzelnde Feder stehn
Und seinen Blick zu den Wolken gehn,
Die über die Dächer dahingezogen.
So hoch sind einst seine Träume geflogen

Von Ruhm und Glück und Sonnenschein!

»0 selig, o selig, ein Kind noch zu sein!«
Der Leiermann dreht seine Kurbel um,
Sein Blicke wandern ringsherum.
Ein andres Stück nun stellt er ein:

»Ich bitt’ euch, lieben Vögelein!«

Die Nähterin lässt die Maschine stehn,
Und ihre Traumgedanken gehn
Zum letzten Roman, den sie gelesen:
Wie edel ist doch der Graf gewesen,

Dass er das arme Mädchen nahm,

Obgleich es doch fast zur Enterbung kam.
Dann seufzt sie. Ach, sie weiss, wie es geht:
Die edlen Grafen sind dünne gesät!

[299]

Doch wenn auch kein Graf – wenn einer nur käme.

Den sie möchte, und der sie nähme.

Draussen schiessen die Schwalben vorbei
Sie blickt ihnen nach und summt dabei:
»Ich bitt’ euch, lieben Vögelein,
Will keins von euch mein Bote sein?!«

Der Leiermann hat die Blicke erhoben

Und wartet auf den Segen von oben,
Zieht sein Register und spielt mit Schall:
»Es braust ein Ruf wie Donnerhall!«
In seiner Werkstatt der Schuster nun

Lässt eine Weile den Hammer ruh’n.

Er war bei Wörth und bei Sedan
Und vor Paris und Orleans.
Und wie er denkt an jene Zeit,
Wird sein Soldatenherz ihm weit;

Da klopft er mit kampfgewohnter Hand

»Mit Gott für König und Vaterland«
Gar mächtig auf du Leder ein:
»Lieb Vaterland, magst ruhig sein!«

Der Leiermann aber blickt und späht,

Damit sein Lohn ihm nicht entgeht.

Und sieh, der Segen bleibt nicht fern,
Denn Armut giebt der Armut gern.
Bald da, bald dort mit leisem Klapp,
In Papier gewickelt, fällt es herab.

Und ob der Herr Professor schreit –

Hier fühlt man nichts als Dankbarkeit,
Denn ein wenig Licht ins graue Heute
Bringt die Musik der armen Leute!


Heinrich Seidel.

Eingetragen am 08.11.2011 09:33:38 von 2rhyme
Autor: Heinrich Seidel
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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