Ein Lied hinterm Ofen zu singen (Andere Gedichte)
Ein Lied hinter’m Ofen zu singen. Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und auf die Dauer; Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an, Und scheut nicht Süß noch Sauer.
War je ein Mann gesund, ist er’s; Er krankt und kränkelt nimmer, Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs[1], Und schläft im kalten Zimmer. Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt’s vorher nicht wärmen; Und spottet über Fluß im Zahn[2] Und Kolik in Gedärmen.
Aus Blumen und aus Vogelsang Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang Und alle warme Sachen. Doch wenn die Füchse bellen sehr, Wenn’s Holz im Ofen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert; Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht, Und Teich’ und Seen krachen; Das klingt ihm gut, das haßt er nicht, Denn will er sich todt lachen. –
Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus Beym Nordpol an dem Strande; Doch hat er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande. Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen. Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren. - ? Vapeurs (frz., spr. wapöhr), Blähungen; üble Laune. Quelle: Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 2. Leipzig 1911., S. 902
- ? Zahnfluß: rheumatische oder katarrhalische Zahnkrankheit, etwa „Zahnfluß und dicken Backen“ (Goethe). Quelle: Grimms Wörterbuch, Band 31, Sp. 165
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:50 von 2rhyme
Autor: Matthias Claudius
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