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Auf der Reise (Tieck) (Andere Gedichte)

Auf der Reise.


Auf Wiesen, in Wäldern,
An Strömen, auf Feldern
Quillt glühendes Leben,
Die Bäume sie streben

     Zum Himmel hinan.

Es fliehen mit Eilen
Die Quellen von steilen
     Gebirgen und suchen sich ebene Bahn,
Durch Dornengesträuche,

Vorüber der Eiche,

     Dem Wurzelgeflecht;
Und rund um die Quelle
Besieht sich in jeder fortschleichenden Welle
     Der kindischen Blumen neugierig Geschlecht.

In Steinklüften suchen

Die glänzenden Buchen
     Genügsamen Raum,
Sie zittern und nicken
Und rauschen und schmücken

     Den felsigen Saum.
[43]

So findet die Quelle
Der Baum sein Stelle
     Und treibet sich’s recht:
So dauert, geneset,

Und stirbt und verweset

     Zufrieden so manches gebohrne Geschlecht. –
Nur der Mensch geht in der Irre,
     Will heut hier seyn, morgen dort,
Alle Sinne im Gewirre

     Sucht er stets den fernen Ort.

Will nicht in der Heimath dauern
     Weithin dehnt er seinen Blick,
Wandert unter Regenschauern
Und sieht dann mit bangem Trauern

     Nach dem erst verschmähten Glück.

Wie in monderhellten Hainen
     Wolken durch den Himmel fliehn,
Bald die Bäume glänzend scheinen,
     Schatten wieder abwärts ziehn:

Also auch des Menschen Seele,

Daß er durch sein ganzes Leben
Rastlos auf und ab sich quäle
Ward die Sehnsucht ihm gegeben. –

[44]

Doch wohl mir, ich fühle

     Zerreißen das Band!

Ich nahe dem Ziele
     Das fern und ferner seit lange mir schwand.
Das bängliche Schwanken
Das nüchterne Kranken,

     Vorüber an mir! –

Wie soll ich dir danken?
     O Liebste! o sprich, wie vergelt ich es dir?

LUDWIG TIECK.

Eingetragen am 08.11.2011 09:33:02 von 2rhyme
Autor: Ludwig Tieck
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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