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Geduld (Tucholsky) (Andere Gedichte)

 Geduld
Die großen, sanften Augen der Bauernpferde, die
     still trottend ziehn; auf den Augenrändern
     und in den Augenwinkeln sitzt es schwarz vor Fliegen …
 Geduld –

Der wie ein Paket geschnürte Hund, dem der Professor

     Curare eingespritzt hat, nun kann er sich nicht bewegen, nur noch fühlen;
     sie haben ihm die Harnleiter durchgeschnitten, da liegt er.
     Studenten umgeben das prächtige Bild …
 Geduld –

Der verheiratete Angestellte, der vor dem brummigen Chef steht,

     zitternd, die Kündigung an den Kopf geworfen zu bekommen;
     der Mann hinter dem Schreibtisch fühlt sich: er hat auf einmal
 zwei Leben: das eigne und das des andern …
 Geduld –

Der Proletarier im Holzschrein vor Gericht, wo unaufhörlich die

     dreisten Ermahnungen des Richters kalt-spöttisch auf ihn
     heruntersausen …
 Geduld –

Das Fürsorgekind, das einer verwitweten Megäre in die Anstaltsfinger

     gefallen ist; die braucht bei Männern keine Lust zu suchen,

     sie hat die Kinder …
 Geduld –

     Läutert Leiden? Welchen Sinn hat es?
     Was haben sie getan, mein Gott: das Pferd, der Hund,

     der Angestellte, der Proletarier, das Fürsorgekind –?


 Sind sie schuld?
 Woran sind sie schuld?
 Nimm ihnen die Geduld!
 Nimm ihnen die Geduld!

 Nimm ihnen die Geduld –!

Eingetragen am 08.11.2011 09:33:59 von 2rhyme
Autor: Kurt Tucholsky
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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