An einen Schwabinger Bürger (Andere Gedichte)
An einen Schwabinger Bürger Denkst du daran? Denkst du noch rückerinnernd jener Verfloss’nen Zeit, Wo dir die adligsten Rumäner
In Geldverlegenheit, Wo dir Fürst Ghika als Bojar, Der immer abgebronnen war, Mit Ehrenwort den Schwur getan. Sie wollten dir ein andermalen
Und morgen schon die Wurst bezahlen? Du weißt, wie deine Frau sich sorgte, Wenn das Gesindel immer borgte, Und du – na ja, in Gottes Namen, Gabst ihnen wieder, wenn sie kamen
Nun aber bist du tief verletzt. Ist das der Dank, Wie gegen uns die Bande hetzt? Der Ärger macht dich krank – Du meinst als schlichtes Publikum,
Du warst zu gut – und warst zu dumm. Sei ruhig! Schau die andern an, Die haben Schlimmeres getan. Die Herren, die die Kunstwelt lenken Und in der Zeitung für uns denken,
Und die mit hohem Selbstvertrauen Uns täglich deutsche Kunst versauen, Wie fanden sie Geschmack An dem Schlawinerpack! An Burschen, die den Kniff verstanden,
Bald die, bald jene Richtung fanden, In der man ohne Kunst und Fleiß Sich als Genie zu geben weiß! Wie das die Zeilenschreiber fraßen! Wie sie auf ihren Hosen saßen
Die Kritici, Daß das Genie, Das sich so frech und ungebärdig, So unverschämt und zukunftwerdig, So seltsam gab und laut rumorte,
Sich endlich ins Verständnis bohrte! Du wardst sie los mit einem Fluch, Strichst ihren Namen aus dem Buch – Doch das, was sie als Kunst betrieben, Verehrter Freund, das ist geblieben.
Den Dreck, den sie uns hinterließen, Den müssen wir noch fort genießen Als „Expression“, Und uns zum Hohn Grinst er uns aus den Fenstern an,
So frech, wie er’s von je getan. Die Wunde schwärt. Da hilft kein Pflaster, Die Kunst ist krank Und siecht nun dank Dem gottverdammten Kritikaster. Ludwig Thoma
Eingetragen am 08.11.2011 09:32:59 von 2rhyme
Autor: Ludwig Thoma
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