Untergang der Sonne (Andere Gedichte)
Die schöne Sonne Ist ruhig hinabgestiegen in’s Meer; Die wogenden Wasser sind schon gefärbt Von der dunkeln Nacht,
Nur noch die Abendröthe Ueberstreut sie mit goldnen Lichtern, Und die rauschende Fluthgewalt Drängt an’s Ufer die weißen Wellen, Die lustig und hastig hüpfen,
Wie wollige Lämmerheerden, Die Abends der singende Hirtenjunge Nach Hause treibt. Wie schön ist die Sonne! So sprach nach langem Schweigen der Freund,
Der mit mir am Strande wandelte, Und scherzend halb und halb wehmüthig, Versichert’ er mir: die Sonne sey Eine schöne Frau, die den alten Meergott Aus Convenienz geheurathet;
Des Tages über wandle sie freudig Am hohen Himmel, purpurgeputzt, Und diamantenblitzend, Und allgeliebt und allbewundert Von allen Weltkreaturen,
Und alle Weltkreaturen erfreuend Mit ihres Blickes Licht und Wärme; Aber des Abends, trostlos gezwungen, Kehre sie wieder zurück In das nasse Haus, in die öden Arme
Des greisen Gemahls. Glaub mir’s – setzte hinzu der Freund, Und lachte und seufzte und lachte wieder – Die führen dort unten die zärtlichste Ehe! Entweder sie schlafen oder sie zanken sich,
Daß hochaufbraust hier oben das Meer, Und der Schiffer im Wellengeräusch es hört Wie der Alte sein Weib ausschilt: „Runde Metze des Weltalls! Strahlenbuhlende!
Den ganzen Tag glühst du für Andre, Und Nachts, für Mich, bist du frostig und müde!“ Nach solcher Gardinenpredigt, Versteht sich! bricht dann aus in Thränen Die stolze Sonne und klagt ihr Elend,
Und klagt so jammerlang, daß der Meergott Plötzlich verzweiflungsvoll aus dem Bett springt, Und schnell nach der Meeresfläche heraufschwimmt, Um Luft und Besinnung zu schöpfen. So sah ich ihn selbst, verflossene Nacht,
Bis an die Brust dem Meer’ enttauchen. Er trug eine Jacke von gelbem Flanell, Und eine lilienweiße Schlafmütz, Und ein abgewelktes Gesicht.
Eingetragen am 08.11.2011 09:35:13 von 2rhyme
Autor: Heinrich Heine
Quelle: de.wikisource.org
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