Flora und die Blumen (Andere Gedichte)
Flora und die Blumen. „Kinderchen des holden süssen Frühlings, Hört o hört der Mutter treue Warnung, Wenn ein lauer Winterwest euch heuchelt, Trauet nicht dem heuchelnd-bösen Mörder.
Wartet, bis der goldne Vater rufet, Bis die treue Mutter euch erscheinet, Die euch weckt aus euren Winterbettchen Und euch Kleider bringt und schöne Häubchen,“ Also sprach zu ihren Blumenkindern
Flora scheidend und ging auf zum Himmel. Alle Blumen sagten ihr Gehorsam Und Geduld zu, bis sie wiederkäme.
Als sie kam; der goldne Vater Frühling Rief die Kinder aus dem Winterschlafe,
Und die Mutter brachte schöne Kleider, Lief umher und sucht’ und zählet’ alle. Ach da fand sie manches schöne Knöspchen Früh hervorgelockt vom bösen Mörder. Ausgetreten wars aus seiner Zelle,
Hatt’ hervorgeblickt mit seinen Aeuglein; Und war bald erstarret, von des bösen Heuchelnden Verführers Hauch vergiftet: Denn der Winterwest war Frost geworden Und erstarret stand das arme Blümchen.
Traurig rief die Mutter ihrem Zephyr, Der es brach; und sie begrub es weinend. Ach das ungeduldge, frühe Blümchen Prangt nun nimmer mehr im Lenz der Flora.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:55 von 2rhyme
Autor: Johann Gottfried Herder
Quelle: de.wikisource.org
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