Die öffentliche Meinung (Andere Gedichte)
Die öffentliche Meinung. Du Zwitterwesen mit dem Januskopfe, Bald unbestechlich, edel, keusch und zart; Bald ähnelnd dem vertierten, blöden Tropfe, Der nimmer ahnt, wie Geist sich offenbart!
Heut bist ein Riese du, der falscher Grösse Das Schwert zerbricht und Brünne, Schild und Helm; Und morgen liegst in krüppelhafter Blösse Schweifwedelnd du im Staub vor einem Schelm. Du bist ein Herrscher, wunderbar geboren,
Und unsichtbar regierst du Stadt und Land; Noch selten hast du eine Schlacht verloren, Und deine Feinde haben harten Stand. Und doch ein Feigling bist du, der den Schwindel, Der frech sich spreizt, nicht anzutasten wagt!
Wenn dich, den Fetischdiener, das Gesindel Nur keck bedroht, so duckst du dich verzagt. Hier gehst du blind vorbei dem scharfen Denker, Dein Fussfall dort der feilen Dirne gilt; Heut hebst den Helden du und Schlachtenlenker,
Und morgen einen Affen auf den Schild. Querköpfiges Scheusal! deinem Lob und Tadel Trotz’ ich, und spotte deines Regiments! – So deklamierte voll Gesinnungsadel Der neue Kandidat des Parlaments.
Drauf ging er hin und streute der Vereinung Der Wähler aus sein Kompromiss-Konfekt; Und am Altar der öffentlichen Meinung Geopfert lag des Braven Intellekt. Gerhard von Amystor.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:44 von 2rhyme
Autor: Gerhard Amyntor
Quelle: de.wikisource.org
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