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Der unglückliche Arme und Reiche (Andere Gedichte)

 Der unglückliche Arme und Reiche.

Also irren wir Menschen mit unsern Seelen, wir alle
Tragen die Gaben, die uns der Götter prüfende Waage

[207]

Zuwog, in unverständiger Brust. Der Dürftige klaget
Traurig und mißt den Göttern von seinem Uebel die Schuld bei,

Achtet sich selbst nicht mehr, nicht mehr die männliche Tugend,

Wagt zu sprechen nicht mehr, nicht mehr zu beginnen was Edles,
Sondern schaudert und bebt, wenn die reichen Mächtigen dastehn;
Kummer und Elend nagen ihm stets das welkende Herz ab.
Jener im Gegentheil, dem über viele zu herrschen

Gott gab und ihm Güter und Glück gewährete, denkt nicht,

Wem zu gut er die Erde mit seinen Füssen betrete;
Er vergisset, daß die ihn erzeugten, Sterbliche waren,

[208]

Donnert in seinem Stolze dem Zevs gleich, hebet das Haupt hoch,
Ob er ein Zwerg gleich ist und buhlt um die schöne Minerva,

Oder spähet sich gar einen Schleichweg aus zum Olympus,

Daß an der Göttertafel er mit Unsterblichen speise.
Aber es schleicht auch ihm mit leisen Tritten die Ate *) [1]
Ungesehen heran und unerwartet: sie wandelt
Auf dem Scheitel der Menschen; den Alten erscheinet sie Jungfrau,

Jünglingen alt; doch bringt sie jedem Verbrechen die Strafe

Und vollführet Jupiters Amt und der strengen Vergeltung.


  1. ? *) Die Göttin des Uebels und Schadens.


Eingetragen am 08.11.2011 09:33:24 von 2rhyme
Autor: Johann Gottfried Herder
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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