Zürich (An Hügin) (Andere Gedichte)
ZÜRICH (An Hügin) Frage ich mich: Führ ich Gern ein zweites Mal dorthin Nach (Hamburgli-) Zürich?? – Merk ich doch, daß ich im Zweifel bin.
Ungeachtet dessen – immerhin! Wer, wie ich, die ganze Stadt Und die weitere Umgebung Zwecks privater Schiller-Neubelebung Oberhalb und unterhalb durchbummelt hat,
Der kommt aus der hohlen Gasse Tagelang oft gar nicht mehr heraus. Doch ist dort auch eine ganze Masse Ernster Künstler und auch sonst zu Haus Und vertragen sich wie Katz und Pack und Maus.
Ihnen, mir, auch anderen wahrscheinlich, Ist die Stadt zu übertrieben reinlich. Nirgends Pferdefrüchte auf dem Pflaster. Nirgends Sünde, nirgends Laster. Und die Polizei berührt uns peinlich.
In den Kneipen sah ich beim Walliser Anfangs lauter breitgenährte Spießer, Immer sechs um einen Patriarchen, Und ihr Sprechen klang mir erst wie Schnarchen.
Aber bald entdeckte ich, Gott sei Dank,
Daß sie doch trotz ihrer Meistermienen, Wachgehalten vom politischen Dreiklang, Freier, schöner waren, als sie schienen. Ja, sie schwimmen wirtschaftlich im Glücke, Hamstern zentnerschwere Frankenstücke,
Zahlen winzi-niedli-kleine Rappen. Hmm! Das Glück geht ihnen durch die Lappen, Und ihr Unglück hält sich fern. Immerhin: ich würde doch sehr gern
Wieder einmal frische Luft dort schnappen. O daß die ewig nicht so friedlich bliebe Die kriegverschonte, teure Schweiz! Ich grüße Zürich einerseits und andrerseits Und viele Freunde dort, die ich sehr lieb habe.
Eingetragen am 08.11.2011 09:35:46 von 2rhyme
Autor: Joachim Ringelnatz
Quelle: de.wikisource.org
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