Die Geschlechter (Andere Gedichte)
Die Geschlechter. Sieh in dem zarten Kind zwey liebliche Blumen vereinigt, Jungfrau und Jüngling, sie deckt beyde die Knospe noch zu. Leise löst sich das Band, es entzweyen sich zart die Naturen, Und von der holden Schaam trennet sich feurig die Kraft.
Gönne dem Knaben zu spielen, in wilder Begierde zu toben, Nur die gesättigte Kraft kehret zur Anmuth zurück. Aus der Knospe beginnt die doppelte Blume zu streben, Köstlich ist jede, doch stillt keine dein sehnendes Herz. Reizende Fülle schwellt der Jungfrau blühende Glieder,
Aber der Stolz bewacht streng wie der Gürtel den Reiz. Scheu wie das zitternde Reh, das ihr Horn durch die Wälder verfolget, Flieht sie im Mann nur den Feind, hasset noch, weil sie nicht liebt. Trotzig schauet und kühn aus finstern Wimpern der Jüngling, Und gehärtet zum Kampf spannet die Sehne sich an.
Fern in der Speere Gewühl und auf die stäubende Rennbahn Ruft ihn der lockende Ruhm, reißt ihn der brausende Muth. Jetzo Natur beschütze dein Werk! Auseinander auf immer Fliehet, wenn Du nicht vereinst, feindlich, was ewig sich sucht. ?Aber da bist du, du mächtige schon, aus dem wildesten Streite
Rufst du der Harmonie göttlichen Frieden hervor. Tief verstummet die lermende Jagd, des rauschenden Tages Tosen verhallet und leis sinken die Sterne herab. Seufzend flüstert im Winde das Rohr, sanft murmeln die Bäche, Und mit melodischem Lied füllt Philomela den Hayn.
Was erreget zu Seufzern der Jungfrau steigenden Busen? Jüngling, was füllet den Blick schwellend mit Thränen dir an? Ach sie suchet umsonst, was sie sanft anschmiegend umfasse, Und die schwellende Frucht beuget zur Erde die Last. Ruhelos strebend verzehrt sich in eigenen Flammen der Jüngling,
Ach, der brennenden Glut wehet kein lindernder Hauch. Siehe, da finden sie sich, es führet sie Amor zusammen, Und dem geflügelten Gott folgt der geflügelte Sieg. Gottliche Liebe, du bists die der Menschheit Blumen vereinigt, Ewig getrennt, sind sie doch ewig verbunden durch dich. Schiller.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:31 von 2rhyme
Autor: Friedrich Schiller
Quelle: de.wikisource.org
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