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Die Wassernymphe (Andere Gedichte)

   
          Die Wassernymphe.

     Flattre, flattr’ um deine Quelle,
Kleine farbige Libelle,
Zarter Faden, zartbeschwingt.
Flieg’ auf deinen hellen Flügeln,

Auf der Sonne blauen Spiegeln,

Bis dein Flug auch niedersinkt.

     Deine längsten Lebenstage,
Fern der Freude, frei von Plage,
Hast du, Gute, schon gelebt.

Als dich Wellen noch umflossen,

Als dich Hüllen noch umschlossen,
Waren sie dir leicht gewebt.

[72]

     Jetzt nach deinem Nymphenleben
Darfst du als Sylphide schweben,

Wieweit dich der Zephyr trug.

Und du eilst mit muntern Kräften
Nur zu fröhlichen Geschäften:
Deine Liebe selbst ist Flug.

     Flattre, flattr’ um deine Quelle,

Kleine sterbliche Libelle,

Um dein Grab und Vaterland.
Eben in dem frohsten Stande
Fliegst du an des Lebens Rande;
Ist das meine mehr als Rand?

[73]
     Einst wie dir wird deinen Kleinen

Auch die Sommersonne scheinen,
Gib der Quelle sie als Zoll.
Und erstirb; die matten Glieder
Seh ich, welken dir danieder:

Schöne Nymphe, lebe wohl.

Eingetragen am 08.11.2011 09:33:43 von 2rhyme
Autor: Johann Gottfried Herder
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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