Traum und Wirklichkeit (Andere Gedichte)
Traum und Wirklichkeit[1]. Es schläft an meine Brust gesunken Das holde, heißgeliebte Weib; Ich schaue stumm und formentrunken Den jungen, hüllenlosen Leib.
Wie um den keuschen Schnee der Lenden Der Locke dunkle Wege quillt! Wie unter meinen leisen Händen Der weiche Marmor athmend schwillt! Da lockt mich hohe Wunderahnung
In unbekannte Zeit zurück, Wie eine rührend holde Mahnung An längstvergeßnes Liebesglück. Blieb mir aus einem frühern Leben Der eine wehmuthmilde Klang,
Der sich mit leisem Saitenbeben Durch meiner Seele Stille schwang? Ist das die ew’ge Schönheit wieder, Die mir das Herz so trunken macht, Nach der beim Anblick dieser Glieder
Die heil’ge Sehnsucht mir erwacht? Und Schöpfungshimmel seh’ ich blauen In morgenfrischer Werdelust. Ich blicke mit erhab’nem Grauen In das Geheimniß meiner Brust.
Zeigt ihr mir an, ihr Glanzgesichte, Wie ich in kühnem Lebensdrang, Mitewges[ws 1] Licht vom ew’gen Lichte Zum Erdentag mich niederschwang? Und wie umsonst aus seinen Bahnen
Nach seiner Sonne strebt ein Stern, Zieht machtlos mich ein kindlich Ahnen Zum Geiste, der mir jetzt so fern. – Da rührt sich leicht auf meinem Schooße Vom Traum bewegt das holde Weib,
Des Busens weiße Doppelrose Streift leis erzitternd meinen Leib. Es schmiegt ihr Herz mit weichem Schlage An meine Brust sich eng und warm: – Das Götterglück, das ich beklage,
Ruht es nicht lächelnd mir im Arm? Und muß ich’s erst mit Händen fassen, Daß mir in lebender Gestalt Der ew’ge Geist, den ich verlassen, Aus diesem Leib entgegenwallt?
Was sucht’ ich ihn in blauer Ferne, Der mir die eig’ne Seele schwellt? Er ist die Harmonie der Sterne, Die Schönheit in der Menschenwelt. Wach’ auf, mein Lieb! Ich hab’ dich wieder,
Die mir ein trüber Traum geraubt; Da regen sich die zarten Glieder, Und lächelnd hebest du das Haupt. Bekränze festlich deine Haare, Laß dich mit heil’gem Kuß umfah’n!
Es blicket mich der Unsichtbare Aus deinen Augen grüßend an. |