Die tiefe Richtung (Andere Gedichte)
Die tiefe Richtung Endlich ist der große Tag gekommen, Schon ist das Vergangne schrecklich nah, Doch die Zukunft ist bereits verschwommen; Auch die Gegenwart ist nicht mehr da.
Gott und Mensch und Weltall sind verschwunden, Was einst sein wird, glüht im Morgenrot; Stille stehn die sonst so raschen Stunden, Und gestorben ist nun auch der Tod. Aus dem Nichts entwickelt sich ein Grausen,
Eine Donnerstimme ruft: „Ich bin!“ … Plötzlich jagt es mit Gewittersausen Durch den weiten öden Raum dahin. Alles starrt beklommen rings im Kreise, Niemand blickt dem Andern ins Gesicht;
Aus den Tiefen stöhnet sterbend leise Eine Geisterstimme: „Ich bin nicht!“ … Einem Mädchen nur aus hohem Norden Ist die Lösung wunderbar geglückt: Der Poet war Philosoph geworden
Und der Philosoph verrückt.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:42 von 2rhyme
Autor: Frank Wedekind
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org
|