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Der Becher (Andere Gedichte)

     Einen wohlgeschnitzten vollen Becher
Hielt ich drückend in den beyden Händen,
Sog begierig süßen Wein vom Rande,
Gram und Sorg’ auf Einmal zu vertrinken.

     Amor trat herein und fand mich sitzen,

Und er lächelte bescheidenweise,
Als den Unverständigen bedauernd.

     „Freund, ich kenn’ ein schöneres Gefäße,
Werth die ganze Seele drein zu senken;

Was gelobst du, wenn ich dir es gönne,

Es mit anderm Nektar dir erfülle?“

     O wie freundlich hat er Wort gehalten,
Da er, Lida, dich mit sanfter Neigung
Mir, dem lange sehnenden, geeignet!


     Wenn ich deinen lieben Leib umfasse,

Und von deinen einzig treuen Lippen
Langbewahrter Liebe Balsam koste,
Selig sprech’ ich dann zu meinem Geiste:

     Nein, ein solch Gefäß hat außer Amorn

Nie ein Gott gebildet noch besessen!

Solche Formen treibet nicht Vulcanus
Mit den sinnbegabten, feinen Hämmern!
Auf belaubten Hügeln mag Lyäus
Durch die ältste, klügste seiner Faunen

Ausgesuchte Trauben keltern lassen,

Selbst geheimnißvoller Gährung vorstehn:
Solchen Trank verschafft ihm keine Sorgfalt!



Eingetragen am 08.11.2011 09:33:13 von 2rhyme
Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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