Der rechte Capitän (Andere Gedichte)
1. Ein Schiff, neu, stark und festgebaut, Will fort auf’s Meer – und froh und laut Ertönt vom Capitän der Gruß: „Nun glückliche Fahrt!
Nun Muth bewahrt!“ Und Hunderte geben den Abschiedskuß. Die Fahrtgenossen steigen ein; Es muß ja doch geschieden sein. – „Lebt wohl! lebt wohl!“ schallt’s hundertfach
Und nochmals, – nun Kanonenkrach, Hier „Hurrah!“ und dort klagend „Ach!“
2. Wenig Tage ziehn vorüber, wenig Nächte friedlich nah’n, Und die Sterne zünden schweigend sich am Winterhimmel an, Da mit Eins – und aus den Wellen, die bis jetzt so leis und lind,
Wölbet Woge sich um Woge und zum Sturme wird der Wind. „Fürchtet nichts!“ So trösten muthig Steuermann und Capitän, „Stürme kommen, Stürme gehen, mein Schiff wird den Sturm bestehn!“ Und die Fahrtgenossen alle hören gern auf dieses Wort, – Doch die Wogen schlagen höher und der Sturm braust heulend fort.
3. O Capitän, o Steuermann! Wo ist das Schiff, Das Wog’ und Riff, Das den Sturm bestehn und ihm trotzen kann? Das Wort – es trog,
Denn bergehoch Hebt sich das Meer, Stürzt als schnaubender Riese daher, Ohne Gnad’, ohn’ Erbarmen Packt er mit gigantischen Armen
Das kämpfende Schiff an Fleisch und Knochen, Giebt Stoß auf Stoß Und läßt es nicht los Und würgt auf und nieder, Bis er des Schiffes Leib und Glieder
Verrenkt und zerbrochen; – Die Wogen donnern, schäumen und kochen. Schon bersten die Planken, – Die Rettungssterne jetzt sinken – – sie sanken, – Zweihundert Menschen erwarten mit Grau’n
Das Wort des Capitäns, auf den sie schau’n.
4. Da tritt der Capitän hervor und spricht: „An euch erfüll’ ich die traurige Pflicht Und bringe die Kunde: bald naht das Verderben, Das Schiff muß sinken, – wir müssen sterben,
Es läßt sich keine Hülfe erspäh’n! Hilft nicht der rechte Capitän! Wer sich vertraut dem schwankenden Boot: Vielleicht, vielleicht entrinnt er dem Tod; – Ich aber bleibe ich halte aus,
Ich sterb’ als Capitän in meinem Haus!“ Und lautlos hören sie’s Alle an, Nur Wenige wählen den leichten Kahn; Das Schiff, auf dem muthig der Führer steht, Das Schiff, selbst wenn es untergeht,
Es war ja das Haus, das zuletzt sie barg, Drum wählen sie es schweigend zum Sarg. Und wenige bange Minuten nur – Da versinkt das Schiff – – nun keine Spur Von Capitän und Passagier,
Hinab in’s grausige Revier Des wilden Meeres tauchten sie; Tief ist das Grab – man schmückt es nie.
5. So schlafet wohl da unten, Ihr Fahrtgenossen, nun,
Der Capitän mag friedlich In eurer Mitte ruh’n! Schmückt keine Hand der Menschen Den Sarg und das feuchte Grab, So streut doch lichte Blumen
Der Himmel auf euch herab. Es sind die ewigen Sterne, Die leuchten auf Meer und Land, Die leuchten auf Wieg’ und Särge, Wo immer der Mensch sie fand.
Schlaft wohl! wir senden Grüße In Liebe noch euch zu, Bis unser Lebensschifflein Einst findet den Hafen der Ruh’! Wir steuern noch durch Stürme,
Es fällt noch Thräne auf Thrän’ – Doch hoch über Sternen und Sonnen Lebt ja der Capitän! Auch euer Schiff hat er geführet, – Wir wollen den Kurs nicht schmähn,
Am Compaß stand der rechte, Der ewige Capitän! Ludwig Würkert.
- ? Aus einem Vortrage, den Ludwig Würkert im Hotel de Saxe zu Leipzig zum Gedächtniß der durch Schiffbruch des Dampfers „London“ am 11. Januar 1866 Verunglückten gehalten hat.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:20 von 2rhyme
Autor: Ludwig Würkert
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