Das Unersetzliche (Andere Gedichte)
Das Unersetzliche. An nichts Geliebtes mußt du dein Gemüth also verpfänden, daß dich sein Verlust untröstbar machte. Innig liebt’ ich einst in jungen Jahren einen schönen Freund.
Sein Antlitz war mir wie das Heiligthum, zu dem man im Gebet sich wendet. Süß war sein Gespräch; und seine Freundschaft schien mir meines Lebens köstlichster Gewinn. Unter den Engeln vielleicht, nicht unter den Menschen ist Einer,
Einer an Treue wie Er, Einer an Sitten wie Er! Er starb. Da lag ich Tag’ und Nächte lang Auf seinem Grabe, seufzete und sprach: „An dem Tage, da Dir des Schicksals Dorn in die Ferse stach, o wäre mir auch niedergeschmettert mein Haupt!
Daß mein Auge die Welt, die meinen Geliebten entbehret, Nicht mehr sähe, daß ich unter der Erde mit Dir läge, wie jetzo weinend auf deinem Grabe mein Haupt liegt. O des unglücklichen Manns! denk’ ich der seligen Zeit, Da, auf Rosen gebettet, mir kam der Schlummer: die Rosen
sind verblühet; sein Grab ist mir mit Dornen bedeckt.“ Nun schloß ich zu mein Herz, und hielt es Untreu, nach Ihm mir einen Freund zu wählen: denn wer unter allen Menschen wär’ ihm gleich. –––– Freilich winket das hohe Meer mit reichem Gewinn dir;
aber die Welle des Sturms droht mit dem Tode dir auch: Mit der Rose zu leben, ist süß; doch stachliche Dornen stehen umher, und Sie welket im schönsten Genuß. Gestern ging ich einher wie ein Pfau im Garten der Freundschaft; heute wind’ ich mich ein, wie ein gekrümmeter Wurm.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:11 von 2rhyme
Autor: Johann Gottfried Herder
Quelle: de.wikisource.org
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