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Nächtlicher Ritt (Andere Gedichte)

Nächtlicher Ritt.

(1882.)

Stockenden Herzschlags hab’ ich dein gedacht,
Mein heißes, wildes Lieb, in dieser Nacht! –
Schwül war’s, die Erde dürstete nach Regen;
Kein Laut umher, als meines Hengst’s Geschnaub;

Bis an die Fesseln schritt das Thier im Staub,

Der dicht sich häufte auf den dunklen Wegen.

Kein Stern am Himmel, weit und breit kein Licht.
Mir stand der Schweiß in Perlen im Gesicht
Und meine Brust, sie athmete beklommen.

So dunkel war’s, daß nichts ich unterschied

Und erst ein Wanduhrschlagen mir verrieth,
Daß zwischen Häuser wieder ich gekommen.

So bange war’s – es rang die Brust nach Luft.
Da schlug es plötzlich mir wie Nelkenduft,

Wie rother Nelken süßer Duft entgegen.

Ich sog ihn ein – mir schwindelte das Hirn –
Und für Momente mußt’ ich meine Stirn
Geschlossnen Auges auf die Mähne legen.

Und aus der Wolke, die am Himmel stand

Gar schwer und düster, fiel auf meine Hand

Ein einzelner, ein großer warmer Tropfen.
Als meine Lippe auf die Rechte sank
Und diese Thräne stummen Schmerzes trank,
Fühlt’ ich die Schläfe wie im Fieber klopfen.

Und weiter ritt ich, ohne Ziel, im Traum.

Da schlug’s empor am schwarzen Himmelssaum
Sekundenlang in purpurrothen Gluthen.
In ihrem Scheine weithin lag das Land –
Mir war, als hebe hastig eine Hand

Den dunklen Flor von eines Herzens Bluten.


Da fiel ein Blitz, ein weißer Funke nur,
Der durch die Wolken, sie zerreißend, fuhr,
Gedankenschnell und scheitelrecht von oben.
Wie deine Leidenschaft war dieser Blitz,

Blendend und rasch – in Bügel hat und Sitz

Der Träumer unwillkürlich sich gehoben.

Durch schwarze Hecken ging es dann im Schritt,
Als mir ins Ohr ein leises Wimmern schnitt,
Das matte Stöhnen einer Todesstunde.

Darauf ein wilder, qualerpreßter Schrei –

Und dann mit einem Male war’s vorbei
Und nur die Ulmen rauschten in der Runde.

Ich ritt und ritt; der Morgen graute schon,
Und eine Nachtigall in leisem Ton

Hob in den Büschen schmelzend an zu schlagen.

Von süßem Weh und gramumflorter Luft
Sang wunderbar des kleinen Vogels Brust
Und feuchten Auges lauscht’ ich seinem Klagen.

Und immer näher kam der weiche Schall;

Ich spähte forschend über niedern Wall

Und – nicht den heißen Thränen wehrt’ ich länger.

Auf einem Grabe ohne Kreuz und Stein,

Wüst und vergessen, sang von Liebespein
Im wilden Fliederstrauch der kleine Sänger!

So mahnte Alles, bis die Nacht entwich,

Stumm und beredsam, armes Lieb, an dich,
Und an das Loos, das ich erkoren habe –
Süß wie in dunkler Nacht der Nelken Duft,
Bang’, wie ein Schrei, verwehend in der Luft,

Ein Vogellied auf wild verwachs’nem Grabe!

Eingetragen am 08.11.2011 09:34:39 von 2rhyme
Autor: Rudolf Lavant
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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