Einsiedlers heiliger Abend (Andere Gedichte)
Einsiedlers heiliger Abend Ich hab’ in den Weihnachtstagen – Ich weiß auch, warum – Mir selbst einen Christbaum geschlagen, Der ist ganz verkrüppelt und krumm.
Ich bohrte ein Loch in die Diele Und steckte ihn da hinein Und stellte rings um ihn viele Flaschen Burgunderwein. Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät Mit Löffeln, Gabeln und Trichter Und anderem blanken Gerät. Ich kochte zur heiligen Stunde Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde Gulasch und litt seinen Dreck.
Und sang aus burgundernder Kehle Das Pfannenflickerlied. Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied. Es glimmte petroleumbetrunken Später der Lampendocht. Ich saß in Gedanken versunken. Da hat’s an der Türe gepocht,
Und pochte wieder und wieder. Es konnte das Christkind sein. Und klang`s nicht wie Weihnachtslieder? Ich aber rief nicht: „Herein!“ Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott, Und dankte auf krumme Weise Lallend dem lieben Gott.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:51 von 2rhyme
Autor: Joachim Ringelnatz
Quelle: de.wikisource.org
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