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Moritura (Andere Gedichte)

Moritura.

Sie wusste nicht, was ihr geschehen war.
Als sie erwachte, schaute sie sich um:
So fremd geworden schien das traute Heim,
Das sie, als wie ein Nest den Vogel, barg;

Und überall der Mutter frische Spur!

Da flossen immer wieder neu die Thränen;

[316]

Das Kinderherz, es wollte nicht verstehen,
Dass nun die liebe, bleiche Hand erstarrt,
Die segnend über ihren Scheitel glitt,

Und dass sie nun allein sei, ganz allein! –

- Man sprach zu ihr: komm, raff dich auf,
Du bist so jung, du hast ein hübsch Gesicht,
Das ist der Schlüssel zu dem Glück der Frauen!
Da ging sie denn. – Sie hat kein Wort gesprochen.

Verstossen aus der Kindheit Paradies

Begann den Weg sie durch das weite Leben,
Im Traume wandelnd ohne Wandermut!

- Ein Weltmeer ist Berlin; sie tauchte unter.
Doch die Gefahr giebt Mut, und Arbeit stählt.

Von neuem zog ein Frieden bei ihr ein,

Wenn Frieden heisst: Dem Leben still entsagen,
Wenn Frieden heisst: Das Leben ängstlich flehn –

- Du junges Herz, was treibt so schnell dein Blut,
Wenn neue Säfte in die Zweige steigen,

Und Frühlingsodem aus der Erde quillt?

Ihr riefen’s zu die Sperlinge am Fenster:
»Der Lenz ist da!« Da färbten sich die Wangen,
Da fasste sie unsagbar ein Verlangen
Nach Glück, nach Lust, nach Leben und nach Liebe.

Der Lenz ist da! Sie liess die Nadel sinken

Und zog hinaus, wo grüne Zweige rauschen,
Wo Kinderjubel tönt, und frohe Menschen
Der Wiederhall des eignen Herzens sind.
- Da fand sie den, der ehrerbietig oft,

Wenn hie und da sich ihre Wege kreuzten,

Im Banne ihrer Anmut sie begrüsst.
- Zwei Herzen schlagen schnell in gleichem Takt,
Wenn Jugend sie und heisser Glückeswille
Zusammen treibt. Sie lockt ein seltsam Drängen,

Das allen Kreaturen eingepflanzt,

Ein Frühlingsgift, das durch die Pulse jagend
Die Jugend opfert und die Schönheit tötet.
Und doch ist es so süss, den Trank zu nippen,
Der uns berauschend hebt zu lichten Höh’n!

Sie fühlte nicht des süssen Rausches Gift;

Ihr reines Herz vernahm ein hohes Lied,
Das Engelscharen ihr hernieder sangen. – – –

- Es war ein Sanntagmorgen, weihevoll.
Da hatte sie mit ihm die Stadt verlassen,

[317]
Der nun erfüllte all ihr Sein und Thun.

Sie wanderten, umweht von Lindenblüten,
Dem Walde zu, der wonnig sie empfing.
Wie Kinder, die der Schule Zwang entflohn,
Durchzogen sie die grüne Einsamkeit.

Ihr Weg war, wo die Schmetterlinge flogen

Und wo der Kukuk rief. So weltenfern
Nahm sie ein dämmernd Dickicht endlich auf.
Wie herrlich schien ihr dieser Tag des Herrn!
Die Stunden rückten vor, und Mittagschwüle,

Sie senkte süsse Müdigkeit hernieder.

Da richteten sie sich ein lauschig Lager
An einem Hang und sanken bald in Schlaf.
- Von fernem Dorfe zog durch ihren Traum
Ein Glockenklang in zitternd leichten Wellen,

Und Mücken surrten leis ein Schlummerlied. –


- Als er erwachte, lag sie aanft erglüht
Und lächelnd noch in halbem Traum befangen,
Ein holdes Wesen aus der Märchenzeit!
Und doch – wie irdisch schön in Fleisch und Blut;

So lockend hatte er sie nie gesehn! –

Ihn bannte herrisch eine dunkle Macht.
Die eignen Pulse hört er stürmisch jagen!
Der jugendfrommen Minne milde Glut,
Sie schlug begehrend auf in loher Flamme! –

Dahin des Sonntags heilige Gefühle,

Um Gut und Böse tobte noch der Kampf
In seiner Brust. – Dann sprang er jählings auf
Und riss sie zu sich hin in toller Lust,
Sie an sich pressend, dass sein brennend Herz

Das Wogen fühlte ihres jungen Bluts.

Berauschend heisse Liebesworte raunt
Sein Mund ihr stammelnd zu, verführerisch
Wie sie nur je erdacht ein trunkner Sinn. – –
Sie bebt,sie ringt, ihr Blick wird starr und gross –

Gähnt vor ihr eines Abgrunds Finsternis?

Sie fasst nicht, was sie hört; wie giftigen Hauch
Verspürt sie es in seines Atems Wehen –
Da endete des Glückes letzte Spur!
»O Mutter, Mutter!« ringt sich endlich los

Ein gellend heisrer Schrei von ihren Lippen! – –


- Was kümmern sie der Buchen schlanke Gerten,
Die ins Gesicht ihr schlagen, was die Ranken,
Die straucheln lassen ihren flüchtigen Fuss.

[318]

Nur fort, nur fort aus diesem Waldesdämmer,

Das Sünde deckt mit der Versuchung Zauber!

Sie flieht, sie irrt, wohin? nur fort, nur fort,
Gehetzt von ihren folternden Gedanken! –
Der Tag schritt vor. Durch Feld und Sumpfgestrüppe.
Dem Wege fern, da frohe Menschen zogen,

So hastete sie weiter. Dumpfes Grollen,

Der einsam Wandernden ein ängstend Droh’n,
Verhallte fernhin aus der Stadt Getriebe. –
Schon blitzt es funkelnd auf bald hier, bald da,
Aus grauem Dunst, der um die Türme brütet,

Als sie der letzten Strassen Zug erreicht.

Wo dieses Meer in letzten Wogen brandet,
Da wirft es eklen Abschaum an das Land.
So trieb auch hier ein lauerndes Gesindel
Sein Wesen, stets bereit zu schlimmer That.

Das Mädchen mit der reinen Stirn – allein –

Das schien ein guter Fund. Gemeine Gier,
Sie grinste roh aus breitgezogenem Munde,
Und wüste Worte zischten an ihr Ohr.
Begehrend streckte sich die freche Faust

Nach ihrer Schulter aus; und Fluch auf Fluch,

Als sie mit letzter, banger Kraft entfloh,
Verfolgte sie wie eine schmutzige Welle.
Da nahte Schutz. Der Wächter des Revieres
Schritt eilend nun der Zitternden entgegen.

Gerettet schien sie, – doch die Pflicht macht hart,

Und Argwohn war des Mannes harte Pflicht!
Die Flüchtende, was führte sie hierher,
In diese Gegend und um diese Stunde?
Trieb Schuldbewusstsein sie? – Er frug, – sie schwieg

Es krampfte sich ihr Herz, da fremde Hand

Sich an die blutend frische Wunde legte.
Kein Ohr erfahre je der Seele Qual,
Die jungfräulich sie fest in sich verschloss.
Sie litt und schwieg. – Der Argwohn aber wuchs,

Und rauhe Worte bannten sie: Zur Wache!

Die Dirne werde schon gestehen müssen.

In dumpfem Sinnen schritt sie vor ihm hin. –
Von ferne tauchten auf vergangene Tage,
Die Kinderzeit, der Mutter zartes Bild,

Der Traum von jenem heissersehnten Glück,

Nach dem die Hand sie durstig ausgestreckt,
Das aber jäh zerbrach, da sie es fasste.
In wirrem Flnge drang es auf sie ein,

[319]

Und unerträglich schwer schien ihr die Last,

Die keuchend sie auf ihren Schultern wälzte. – –

Ein Gang nach Golgatha! Sie wollte heim.
Ihr Heim, das da lag in der krystallnen Ferne,
Da reine Liebe thront in Glanz und Licht.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Das alte Lied: ein gurgelnder Kanal,

In dessen trägen ungeschwollnen Wassern
Die Sonne spielt in letztem Abendgold –
Ein rascher Sprung, ein leiser Schrei, ein Fall –
Und weiter gleitet dann die braune Welle,

Und weiter grollt von fern das Menschenmeer

Wie eine Bestie, die nach Opfern sucht! – –


Otto Kindt.

Eingetragen am 08.11.2011 09:34:33 von 2rhyme
Autor: Otto Kindt
Quelle: de.wikisource.org
Weitere Informationen unter: http://de.wikisource.org



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