Furcht (Kraus) (Andere Gedichte)
Vor Tönen, Formen, halb erwachten Träumen wird mir im innern Herzen bang. Ich lebe in dem Untergang und wohne in bedrohten Räumen.
Nicht fürcht’ ich mich vor irdischen Gewittern und bin für jeden Donner taub. Doch zittert wo ein Espenlaub, so werde ich mit ihm erzittern. Ich wahre vor Gefahren nicht mein Leben
und spotte ihrer Gegenwart. Doch wenn es an den Wänden knarrt, so kann ich wie ein Kind erbeben. Ich fliehe nicht vor Räubern oder Recken und spreche den Gewalten Hohn.
Doch kann vor einem Menschenton ich wie am jüngsten Tag erschrecken. Mich faßt so bald kein ängstevolles Zaudern und hab’ der Feinde nie zu viel. Jedoch vor einem Mienenspiel
wird’s mich wie vor der Hölle schaudern. Und solche Furcht erregt in mir den Dichter und ich erfülle die Figur und brauche etwas Asche nur für die lebendigsten Gesichter.
Und so erwachse ich im Widerstreiten, und seit ich so den Mut verlor, gewannen Auge mir und Ohr die Herrschaft in zerfallnen Zeiten.
Eingetragen am 08.11.2011 09:33:57 von 2rhyme
Autor: Karl Kraus
Quelle: de.wikisource.org
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